Die ersten Worte

Die Geschichte, mit der ich hier beginnen will, spukt mir schon seit Jahren durch den Kopf. Eigentlich war es eine Idee für einen Comic. Aber in der ganzen Zeit habe ich leider keinen Illustrator gefunden, mit der ich sie umsetzen konnte. Jetzt dachte ich, ich könnte es ja dann doch einmal mit Prosa versuchen. Schauen wir mal, ob es so funktioniert, wie ich mir das vorstelle. Lest sie doch einfach einmal an. Vielleicht gefällt sie euch doch. Ihr Titel lautet „Erinnerungen an sie“.

Die großen Geschichten beginnen meist mit großen Worten, unerwarteten Augenblicken oder szenischen Beschreibungen. Diese nicht. Es war ein ganz gewöhnlicher Abend. Ich war wieder viel zu lang in der Kanzlei gewesen. Warum auch nicht? Ich war jung, ungebunden. Da kam es mir ganz recht, wenn ich nicht allein zuhause vor dem Fernseher hocken musste.

Zugegeben, das war ohnehin schon lange nicht mehr passiert. In meinem Kühlschrank herrschte gähnende Leere. Ich hatte schon seit Wochen nicht mehr selbst gekocht. Mein Netflix-Passwort wusste ich auch nicht mehr. Üblicherweise liefen meine Tage immer gleich ab. 6 Uhr aufstehen, rasieren, Zähne putzen. Dann eine halbe Stunde joggen. Das tat ich am liebsten so früh. Man sagt zwar, dass die Stadt niemals schliefe, aber um diese Uhrzeit waren die Straßen noch nicht überfüllt von gesichtslosen Fremden. Niemand, den man anrempeln konnte. Niemand, der ungewollten Augenkontakt suchte.

Wenn ich verschwitzt nach Hause kam, in meine Wohnung in einem dieser Träume aus Glas und Beton, war ich schon wieder ausgepowert. Ich ging unter die Dusche, zog mir einen Anzug an. Trank einen Kaffee. Dann ging es los. Wochentags waren die U-Bahnen schon überfüllt mit den ersten Pendlern und den letzten Feiernden des Vorabends. Mit Kopfhörern auf den Ohren und den Blick starr auf den Bildschirm meines Smartphones gerichtet ging es zu dem Wolkenkratzer, in dem sich die Kanzlei befand, für die ich arbeitet.

Was dann folgte waren mindestens zehn Stunden Papierkram. Ich hatte Jura studiert. Ein solider Beruf, wie mein Vater mir immer wieder versichert hatte. Zugegeben, es hatte mir sogar Spaß gemacht. Es fiel mir schon immer leicht, in schwarz und weiß zu denken.

Pausen machte ich selten. Ich wollte spätestens mit Mitte dreißig eines der Büros im obersten Stockwerk besetzen. Denn das versprach Geld und Einfluss. Maßgeschneiderte Anzüge, 200-Euro-Haarschnitte und Einladungen auf die wichtigsten Partys der Stadt.

Ob mich das alles erfüllen würde, konnte ich damals nicht sagen.

Wie gesagt, es war wieder einer dieser Abende. Es war beinahe 21.30 Uhr als ich den Rechner herunterfuhr. Obwohl ich mich an alles, was später geschah, minutiös erinnerte, kann ich nicht mehr sagen, warum ich beschloss, noch nicht nach Hause zu fahren.

Eigentlich war ich müde. Ich roch nicht mehr allzu frisch und eine warme Mahlzeit hätte mir sicher gutgetan. Und trotzdem entschied ich mich gegen die nächste U-Bahn. Stattdessen lief ich die Straße hinab mit ihren zahllosen Hochhäusern und teuer designten Firmenschildern.

Nicht weit von der Kanzlei war eine Bar. Hier trafen sich meine Kollegen manchmal nach der Arbeit. Vielleicht hatte ich Glück und würde ein paar von ihnen treffen. Im Vorbeigehen sah ich kurz ins Schaufenster eines Modegeschäfts. Vielleicht doch besser nachhause, fragte ich mich, als ich die Ringe unter meinen Augen und den Schatten ums Kinn sah.

 

 

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